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Zusammenfassung der Ergebnisse der Befragung von

302 Personen in Kiel

Untersuchungsansatz

Kiel ist eine von sechs Städten, in denen das vom Bundesforschungsministerium geförderte Forschungsprojekt "Einflussgrößen und Motive der Fahrradnutzung im Alltagsverkehr" durchgeführt wird. Das Ziel ist, Wege zu einer vermehrten Fahrradnutzung und zu einem autoärmeren Verkehr aufzuzeigen. Ausgewählt wurden als Untersuchungsgebiet die am Ostufer der Kieler Förde gelegenen Stadtteile Gaarden-Ost, Ellerbek und Wellingdorf mit rund 34 100 Einwohnern. Die Datenerhebung fand im September 1999 statt. In der Phase der Bestandsaufnahme erfolgte eine repräsentative telefo-nische Befragung von 2 032 Erwachsenen, in der darauf folgenden zweiten Phase wurden 309 Erwachsene ausführlicher befragt. Sie gehörten einer von drei nach dem häufigsten Verkehrsmittel gebildeten Teilgruppen an: entweder der Fahrradgruppe, der Pkw-Gruppe oder der ÖPNV-Gruppe. Die Frauen sind überproportional häufig in der Fahrrad- und der ÖPNV-Gruppe, die Männer überproportional häufig in der Pkw-Gruppe vertreten. Parallel wurden in vier Schulen: der Theodor-Storm-Hauptschule, dem Gymnasium Wellingdorf, dem Hans-Geiger-Gymnasium und der Gustav-Friedrich-Meyer-Realschule, insgesamt 176 Schülerinnen und Schüler aus 8. Klassen schriftlich befragt. Zeitgleich wurden durch Ortsbefahrungen mit dem Fahrrad Merkmale der Radverkehrsinfrastruktur erfasst.

Verfügbarkeit der Erwachsenen über Verkehrsmittel

Die repräsentative Befragung ergab, dass 64 % der Erwachsenen im Kieler Untersuchungsgebiet über einen Pkw und 73 % über ein Fahrrad verfügen können. In 15 % der Fälle haben erwachsene Personen weder einen Pkw noch ein Fahrrad, in 52 % dagegen beide Verkehrsmittel zur Verfügung. Häufigstes Verkehrsmittel ist in 40 % der selbstgefahrene Pkw, in 29 % der ÖPNV und in 11 % das Fahrrad. Für die Männer ist der Pkw mit Abstand das häufigste Verkehrsmittel, für die Frauen ist es der ÖPNV. Das Fahrrad verliert mit zunehmendem Alter an Bedeutung.
In Haushalten mit Kindern ist meistens ein Pkw vorhanden, nur 10 % der befragten Jugendlichen wachsen in autofreien Familien auf.


Wahlfreiheit der Erwachsenen

Rund ein Drittel der ÖPNV-Gruppe ist wegen fehlender Verkehrsmittelverfügbarkeit (weder ein Pkw, noch ein Fahrrad sind vorhanden) auf den ÖPNV angewiesen. Die Fahrradgruppe ist im Vergleich dazu objektiv wahlfreier.

 

Mobilitätskennwerte der Erwachsenen

Durchschnittlich werden von den Erwachsenen an einem normalen Werktag 3,2 Wege in durchschnittlich 66 Minuten zurückgelegt. Die Mobilitätsrate ist bei den über 65-Jährigen mit durchschnittlich 2,6 Wegen geringer, wobei das Mobilitätszeitbudget gleich bleibt. Die drei Verkehrsmittelgruppen haben ähnliche Mobilitätskennwerte.


Wegezwecke/Zielorte der Erwachsenen

Die häufigsten Zielorte sind Einkaufsorte und der Arbeitsplatz. Einkaufsorte für den täglichen Bedarf und das Shopping-Center in der Innenstadt sind für alle Altersgruppen vorrangige Zielorte. Lediglich bei den unter 50-Jährigen sowie den Männern ist der Arbeitsort noch wichtiger. Parks und Grünanlagen sind nur selten Zielorte der unter 50-Jährigen, von den älteren Gruppen werden sie häufiger aufgesucht.


Wegeketten der Erwachsenen

Wegeketten kommen im Alltag von 48 % der befragten Erwachsenen vor. Sie sind, - wenn auch bei Frauen häufiger -, oft auch bei den Männern zu finden. Die häufigste Wegekette verbindet Einkaufen und Arbeiten miteinander. Am häufigsten sind Wegeketten in der Pkw-Gruppe, am seltensten in der ÖPNV-Gruppe.


Bike+Ride

Bike+Ride wird von 19 % der Befragten in der Fahrradgruppe und von 16 % der Befragten in der ÖPNV-Gruppe praktiziert, d. h. die Kombination von Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln ist im Alltag eher selten.


Wegelängen der Erwachsenen

Drei Viertel der Wege der Befragten sind nicht länger als fünf Kilometer, ein Drittel der Wege ist bis zu einem Kilometer lang, nur 8 % sind länger als zehn Kilometer.


Mobilität der Jugendlichen

Fast alle Jugendlichen haben ein eigenes Fahrrad. Es ist nach dem ÖPNV ihr zweithäufigstes Verkehrsmittel, bei den Jungen ist es das häufigste. An einem normalen Schultag legen die Jugendlichen 4,8 Wege in durchschnittlich 85 Minuten zurück. Die durchschnittliche Wegezahl ist in der Fahrradgruppe mit 5,1 Wegen höher als in der ÖPNV-Gruppe mit 4,6 Wegen. Die Fahrradgruppe ist pro Tag im Durchschnitt 76 Minuten, die ÖPNV-Gruppe 94 Minuten unterwegs.


Motive der Verkehrsmittelwahl bei Erwachsenen

Erwachsene geben das Radfahren häufig aus gesundheitlichen und altersbedingten Gründen auf. Es gibt jedoch auch viele, die wieder Rad fahren würden, wenn die Bedingungen günstiger wären. Die häufigsten Gründe der Verkehrsmittelwahl der Erwachsenen sind Zeitersparnis, die Entfernungen zum Zielort, Bequemlichkeit und der Transport von Sachen. Wohlbefinden und Fitness werden mit zunehmendem Alter zu einem wichtigeren Motiv. Für diejenigen, die häufig Fahrrad fahren, sind Wohlbefinden und Fitness, für diejenigen, die hauptsächlich den Pkw nutzen, Bequemlichkeit die wichtigsten Kriterien. Die Fahrradgruppe findet es wichtiger, sich zu bewegen und die Umwelt zu schonen, als die Pkw-Gruppe.


Einstellungen und Normen der Erwachsenen

Die überwiegende Mehrheit der Erwachsenen fährt gern Fahrrad. In der Fahrradgruppe fahren 98 %, in der ÖPNV-Gruppe 82 % und in der Pkw-Gruppe 78 % gern Fahrrad. D. h. auch diejenigen, die überwiegend mit dem Pkw unterwegs sind, haben mehrheitlich eine positive Einstellung zum Radfahren.

Die Erwartungen anderer beeinflussen die Verkehrsmittelnutzung: Von den Erwerbstätigen in der Pkw-Gruppe sind rund die Hälfte der Meinung, dass sich die Arbeitskolleginnen und -kollegen wundern würden, wenn sie mit dem Fahrrad zur Arbeit kämen. Dies trifft in verstärktem Maße auf die älteren Erwerbstätigen zu.


Wahrgenommene Handlungsspielräume der Erwachsenen

Im Durchschnitt fühlen sich rund 25 % der Erwachsenen in ihrer Verkehrsmittelwahl eingeschränkt, am meisten diejenigen in der Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen. Die Befragten in der ÖPNV-Gruppe gaben als Begründung für ihre Verkehrsmittelnutzung häufiger an, dass sie keine Wahlfreiheit hätten.
Hinsichtlich der Möglichkeit, sich die Zeit individuell einzuteilen, unterscheiden sich die Verkehrsmittelgruppen nicht, jedoch bei der Wahrnehmung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Diejenigen, die häufig Rad fahren, finden deutlich häufiger, dass sie gut zu Fuß sind als diejenigen in den beiden anderen Gruppen.


Absichten der Erwachsenen

Die befragten Erwachsenen würden vor allem dann häufiger Rad fahren, wenn es mehr Radwege von guter Qualität abseits von Hauptverkehrsstraßen gäbe. Bei den jüngeren Altersgruppen würde die Verknappung von Pkw-Parkplätzen wahrscheinlich den Umstieg vom Pkw auf das Fahrrad fördern. Verschiedene Service-Angebote wie ein Mietfahrrad am Bahnhof, diebstahlsichere Abstellplätze, eine Fahrradreparatur zu Hause oder am Arbeitsplatz sind für rund ein Drittel der Erwachsenen von Interesse. Für die Pkw-Gruppe wäre das Radfahren vor allem dann attraktiver, wenn sie abseits von ver-kehrsreichen Straßen entlang führen würden und wenn es schwieriger wäre, einen Parkplatz zu finden.


Motive der Jugendlichen

Der Schulweg determiniert zum großen Teil die Verkehrsmittelnutzung der Jugendlichen. Die Nutzung des Fahrrads wird darüber hinaus damit begründet, dass es ein umweltfreundliches Verkehrsmittel ist und dass es Spaß macht, damit zu fahren.



Einstellungen, Normen und wahrgenommene Handlungsspielräume der Jugendlichen

Fast alle Jugendlichen finden das Radfahren umweltfreundlich und gesund. Diejenigen, die häufig Rad fahren, finden es noch zuverlässiger und noch besser als die ÖPNV-Gruppe. Sie sind auch häufiger der Ansicht, dass das Radfahren die Erreichbarkeit von Zielen sowie Unabhängigkeit gewährleistet und dass es Spaß macht, im Wohngebiet mit dem Fahrrad zu fahren.
Die persönlichen Mobilitätsnormen werden durch die im Alltag übliche Fortbewegungsart geprägt. Für die Fahrradgruppe ist Radfahren die Norm, für die ÖPNV-Gruppe ist es die Nutzung des ÖPNV. Rund ein Zehntel der Jugendlichen fühlt sich bei der Verkehrsmittelwahl eingeschränkt.


Zukunftsvorstellungen

Annähernd doppelt so viele Jugendliche (39 %) sind autoorientiert wie radorientiert (20 %). Die Jungen sind häufiger sowohl auto- als auch radorientiert, die ausländischen Jugendlichen sind erheblich öfter
autoorientiert und deutlich seltener radorientiert. Die Jugendlichen in der Fahrradgruppe sind seltener autoorientiert und häufiger radorientiert als diejenigen in der ÖPNV-Gruppe. Radorientierung wird mit Spaß, Gesundheit und Fitness, die das Radfahren bietet, begründet, Autoorientierung vor allem mit der Bequemlichkeit und Schnelligkeit der Pkw.


Wahrnehmung der Stadt und des Verkehrsangebots durch Erwachsene

Die Erwachsenen bewerten ihr Wohngebiet überwiegend positiv. Dies gilt für die Älteren in besonderem Maße. Besonders gut schneidet das ÖPNV-Angebot ab. Neben dem ÖPNV-Angebot werden auch die Bedingungen für den Fußgängerverkehr als sehr günstig beurteilt. Die Frauen finden häufiger als die Männer, dass das Ostufer autofreundlich ist, die Fahrradgruppe hat seltener den Eindruck, dass die Autos im Gebiet langsam fahren.
Die Begründungen, warum bestimmte Orte und Gebiete als problematisch zum Radfahren angesehen werden, sind in erster Linie fehlende Radwege, Hindernisse auf den Wegen sowie eine schlechte Qualität der Fahrbahn.
Die Innenstadt wird von den Erwachsenen vergleichsweise häufig als Problemort für Radfahrende bezeichnet. Auch der Klausdorfer Weg und die Elisabethenstraße schneiden eher schlecht ab. Der Stadtteil Gaarden wird ähnlich oft als günstig wie als ungünstig zum Radfahren bezeichnet.
Lebensmittelgeschäfte werden von der Mehrheit der Erwachsenen als wohnungsnah wahrgenommen, als weit weg werden dagegen die in der Innenstadt liegenden Ämter und Behörden angesehen.
Die Abstellplätze für Fahrräder hält die Mehrheit der Erwachsenen für diebstahlsicher. Dies gilt insbesondere für die Abstellplätze an den Arbeitsstätten.
Die Verbesserungen in den letzten Jahren aus der Sicht der Befragten betreffen vor allem den ÖPNV-Bereich. Dass sich die Busverbindungen verbessert haben, finden alle Verkehrsmittelgruppen.


Subjektive Sicherheit der Erwachsenen

Insgesamt mehr als die Hälfte der befragten Erwachsenen fühlt sich in Zeiten der Dunkelheit auf dem Ostufer unsicher, darunter 64 % der Frauen und 48 % der Männer. Der Stadtteil Gaarden ruft am meisten Unsicherheit hervor. Die Fahrradgruppe empfindet Parks und Grünanlagen häufiger als "Angstorte", die Pkw- und die ÖPNV-Gruppe mit unterschiedlichen Routen nennen andere Orte häufiger, darunter den Vinetaplatz.


Wahrnehmung der Stadt und der Verkehrsangebote durch Jugendliche

Die Jugendlichen beurteilen ihr Wohngebiet im Wesentlichen positiv, dies gilt vor allem im Hinblick auf das Zufußgehen; 82 % meinen, dass man darin gut zu Fuß gehen kann. Weniger Zustimmung findet die Aussage, dass es im Wohngebiet viele Radwege gibt. Die Fahrradgruppe stimmt dem noch weniger zu als die ÖPNV-Gruppe.
Probleme, die beim Radfahren auftauchen, sind vor allem die mangelnde Verkehrssicherheit und der starke Autoverkehr. Der Stadtteil Gaarden wird von den Jugendlichen vergleichsweise häufig als Gebiet eingeschätzt, in dem das Radfahren keinen Spaß macht.


Verbesserungsvorschläge der Erwachsenen

Zwei Drittel der Befragten nutzte die Gelegenheit, Vorschläge zu machen, wie die Fahrradfreundlichkeit und das ÖPNV-Angebot auf dem Ostufer gesteigert werden können. Die Verbesserungsvorschläge der Erwachsenen richten sich vor allem auf die Anlage von Radwegen und den Ausbau des Radwegenetzes. Im Hinblick auf das ÖPNV-Angebot sind die am häufigsten genannten Vorschläge: kürzere Taktzeiten, mehr Direktverbindungen und mehr Busse in den Abendstunden.


Verbesserungsvorschläge der Jugendlichen

Auch die Jugendlichen sehen die Anlage von Radwegen als besonders wichtig an, um die Bedingungen für Radfahrende zu verbessern. Die Fahrradgruppe schlägt darüber hinaus noch funktionale (Radwege verbreitern) und ästhetische (schönere Radwege) Verbesserungen vor, die ÖPNV-Gruppe macht als weiteren Vorschlag, mehr Ampeln einzurichten. Speziell für den Stadtteil Gaarden wurde vorgeschlagen, auch die Gehwege zu erweitern, um die Konflikte zwischen dem Fußgänger- und dem Radverkehr zu verringern.


Empfehlungen

Ein Handlungsschwerpunkt ist die Schaffung eines attraktiven Angebots zum Radfahren in Gaarden, ein weiterer Schwerpunkt bezieht sich auf die Veloroute zwischen Neumühlen-Dietrichsdorf und der Innenstadt, die durch Ellerbek/Wellingdorf hindurch läuft, ein dritter Schwerpunkt ist auf den Berufsverkehr gerichtet. Durch Anreize zum Radfahren auf den Wegen zur Arbeit soll die enge Kopplung zwischen Pkw-Nutzung und berufsbedingten Wegen gelockert werden. Die weiteren Empfehlungen richten sich auf Veränderungen einzelner Straßen, auf ein verbessertes Angebot an Fahrradabstellplätzen am Wohnort, der Förderung des Bike+Ride-Verkehrs u. a. am Hauptbahnhof durch eine Fahrradstation, die sichere Abstellmöglichkeiten bietet, des Weiteren auf fördernde Maßnahmen in Wellingdorf. Zu empfehlen ist, in das Fahrradforum auch das Schulamt einzubeziehen. Bei der Öffentlichkeitsarbeit sollte auch das Internet genutzt werden.


Potenziale

Dass ein erhebliches Potenzial vorhanden ist, lässt sich aus den zurückgelegten Entfernungen entnehmen. Rund 60 % aller Pkw-Fahrten führen zu Zielen, die weniger als fünf Kilometer entfernt sind. Wichtigste Zielgebiete der Pkw-NutzerInnen sind das eigene Gebiet sowie die Innenstadt, zu der gute ÖPNV-Verbindungen bestehen. Prinzipiell lassen sich somit viele Ziele mit dem Umweltverbund erreichen. Da viele Wege auch als kurz wahrgenommen werden, besteht insgesamt ein ausgeprägtes Zuwachspotenzial für den Radverkehr. Eine Verbesserung der Radverkehrsinfrastruktur, verbunden mit einer Verknappung von Parkplätzen würde laut deren Aussage rund 40 % der Pkw-NutzerInnen dazu veranlassen, die bisherige Verkehrsmittelwahl zu überdenken. Insgesamt ist festzustellen, dass auf dem Ostufer ein erhebliches Potenzial für eine ver-stärkte Radnutzung besteht, was Investitionen beim Ausbau der Radverkehrsinfrastruktur rechtfertigt.


Diese Zusammenfassung der Ergebnisse wurde der Broschüre Stadtbericht Kiel, Band 9: Ergebnisse zum Projekt: "Einflussgrößen und Motive der Fahrradnutzung im Alltagsverkehr" (Bestellnummer 08/01) entnommen. Die Broschüre kann bezogen werden beim:

Institut Wohnen und Umwelt (IWU)
Annastraße 15
64285 Darmstadt
Tel.: 06151 2904-0
Fax: 06151 2904-97

 

 

 

 

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