Zusammenfassung der Ergebnisse der Befragung von 223
Jugendlichen in Hamburg
Ziel des Projekts: Das Forschungsvorhaben "Einflussgrößen
und Motive der Fahrradnutzung im Alltagsverkehr" dient dazu, Informationen
über die vielfältigen Einflussfaktoren der Verkehrsmittelnutzung
zu gewinnen, um entsprechend gezielt Maßnahmen planen zu können,
die das Radfahren so fördern, dass ein möglichst großer
Teil der Pkw-Fahrten durch Fahrrad-Fahrten und durch Kombinationen von
Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln ersetzt wird. Informationen
dieser Art lassen sich nur durch Befragung der am Verkehr teilnehmenden
Personen gewinnen.
Der Untersuchungsansatz: Ausgegangen wurde von
einem theoretischen Modell, in dem die Verhaltensabsichten als abhängig
von Umwelt- und Personmerkmalen angenommen werden. Unterschieden wurde
dabei zwischen der physischen und sozialen Umwelt einerseits sowie zwischen
Einstellungen, subjektiven Normen und wahrgenommenem Handlungsspielraum
andererseits.
Die Stichprobe: Die Untersuchung wird in Untersuchungsgebieten
in sechs Städten unterschiedlicher Größenordnung (Ahrensburg,
Bremen, Fürstenwalde, Hamburg, Kiel, Mainz) durchgeführt,
in denen sowohl Erwachsene als auch Nicht-Erwachsene befragt werden.
In Hamburg wurde der Stadtteil Barmbek als Untersuchungsgebiet ausgewählt.
Hier wurden insgesamt 223 Jugendliche schriftlich befragt. 51 % der
Befragten waren Mädchen, 49 % Jungen. Der Anteil an ausländischen
Schülern und Schülerinnen (beide Eltern Nicht-Deutsche) betrug
31 %, 13 % der SchülerInnen leben in Familien mit einem deutschen
und einem ausländischen Elternteil, bei 56 % sind beide Eltern
Deutsche. Das Durchschnittsalter der SchülerInnen lag bei 13,3
Jahren.
Drei der Schulen, an denen die Jugendlichen befragt wurden, liegen innerhalb
des Untersuchungsgebiets: die GHR am Winterhuder Weg, die Gesamtschule
Winterhude und das Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek, zwei Schulen: das Gymnasium
Lerchenfeld und das Emil-Krause-Gymnasium, liegen in unmittelbarer Nähe
des Gebiets.
Gruppierung der Daten: Die erhobenen Daten wurden
differenziert nach Geschlecht und Nationalität der SchülerInnen
ausgewertet, ferner nach dem häufigsten Verkehrsmittel im Alltag.
Unterschieden wurde insbesondere zwischen der Fahrrad- und der Nicht-Fahrrad-Gruppe.
Zur ersten Gruppe wurden diejenigen gerechnet, deren häufigstes
Verkehrsmittel das Fahrrad ist, zur zweiten all diejenigen, deren häufigste
Fortbewegungsart das zu Fuß gehen, das Mitfahren im Pkw oder die
Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel (ÖV) ist.
Fahrradbesitz: Insgesamt 91 % der SchülerInnen
haben ein eigenes Fahrrad, die Mädchen und die Jungen gleich oft,
die deutschen SchülerInnen mit 96 % häufiger als die ausländischen
mit 86 %. Die ausländischen Mädchen haben seltener ein Rad
als die ausländischen Jungen. Am Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek haben
ausnahmslos alle befragten SchülerInnen ein Fahrrad.
Verkehrsmittelnutzung: Der ÖV ist für
41 % der SchülerInnen das häufigste Verkehrsmittel, das Fahrrad
für 25 %. Die ausländischen Jugendlichen nutzen öfter
den ÖV und fahren deutlich seltener Rad als die deutschen SchülerInnen.
Mobilitätsrate und Mobilitätszeitbudget:
Die Jugendlichen legen pro Tag durchschnittlich 4,5 Wege zurück,
die Mädchen ähnlich viele wie Jungen, die deutschen mit durchschnittlich
4,7 Wegen mehr als die ausländischen Jugendlichen mit 3,9 Wegen.
In der Fahrradgruppe werden durchschnittlich 5,5 Wege zurückgelegt,
in der Nicht-Fahrradgruppe 4,2 Wege pro Tag. Das durchschnittliche Mobilitätsbudget
beträgt 82 Minuten, in der Fahrradgruppe 72, in der Nicht-Fahrradgruppe
85 Minuten.
Gründe für die Verkehrsmittelnutzung:
Der Schulweg, der ein bestimmtes Verkehrsmittel nahelegt, bestimmt zu
einem wesentlichen Teil die Verkehrsmittelnutzung im Alltag. Ein häufiger
Grund für die Nutzung eines bestimmten Verkehrsmittels ist auch
dessen Schnelligkeit. Zu einem erheblichen Teil wird die Verkehrsmittelnutzung
von den räumlichen Strukturen, d. h. der Entfernung zu Zielorten,
bestimmt. Spezifische Gründe für das Radfahren sind der dabei
erlebte Spaß, aber auch der Kostenvorteil bei der Fahrradnutzung.
Einstellungen zum Radfahren: Das Radfahren wird
mehrheitlich sehr positiv beurteilt. Es wird u. a. als "umweltfreundlich"
und "gut", "gesund" und "aktiv" charakterisiert.
Die Jungen beurteilen das Radfahren noch besser als die Mädchen,
die Fahrradgruppe noch besser als die Nicht-Fahrradgruppe. Die Bewertung
des Radfahrens hängt wesentlich von den individuellen Einschätzungen
in Bezug auf die folgenden Kriterien ab: Anregungen beim Radfahren,
Effizienz und Qualität des Transports, Gesundheit und Ökologie
und Sozialverträglichkeit des Verkehrsmittels.
Das Fahrrad wird nicht nur als Transportmittel, sondern vor allem auch
als Sportgerät angesehen. Dies trifft vor allem bei den ausländischen
Jugendlichen, der Nicht-Fahrradgruppe und den Mädchen zu. Die meisten
SchülerInnen meinen, dass das Fahrrad den Raum gut erschließt
und dass es unabhängig macht. Die Fahrrad-Gruppe vertritt diese
Ansicht noch häufiger. Der Fahrradgruppe macht das Radfahren im
Wohngebiet deutlich häufiger Spaß als der Nicht-Fahrradgruppe.
Einem Fünftel der Jugendlichen macht das Radfahren im Wohngebiet
keinen Spaß.
Subjektive
Normen: Das Verkehrsmittel, das die SchülerInnen
als das Üblichste und als das für sie Normale empfinden, ist
der ÖV. In der Fahrradgruppe und bei den Jungen entspricht das
Radfahren weitaus häufiger der subjektiven Norm als in der Nicht-Fahrrad-Gruppe
und bei den Mädchen; umgekehrt verhält es sich mit der ÖV-Nutzung.
Wahrgenommener Handlungsspielraum: 81 % der SchülerInnen
haben den Eindruck, dass sie ihre Verkehrsmittel frei wählen können,
8 % fühlen sich in dieser Hinsicht eingeschränkt, 11 % zum
Teil.
Vorgestellte zukünftige Verkehrsmittelwahl:
Die Verhaltensabsichten wurden in Bezug auf die vorgestellte künftige
Pkw-Nutzung und die vorgestellte künftige Radnutzung erfasst. Als
Autoorientierung wurde die Vorstellung, im Erwachsenenalter häufig
oder sehr häufig den Pkw zu nutzen, definiert, als Radorientierung
analog die Vorstellung, später häufig oder sehr häufig
das Fahrrad zu nutzen. Insgesamt 45 % der SchülerInnen erwiesen
sich als autoorientiert, 11 %, als nicht-autoorientiert; 26 % stellen
sich als radorientiert dar, 39 % als nicht-radorientiert.
Autoorientierung und Radorientierung korrelierten negativ.
Die Mädchen sind seltener autoorientiert, aber gleich häufig
wie die Jungen radorientiert. Die ausländischen SchülerInnen
sind erheblich öfter autoorientiert als die deutschen, umgekehrt
verhält es sich bei der Radorientierung. Am seltensten radorientiert
sind die ausländischen Mädchen.
Die Mädchen begründeten ihre Haltung zur vorgestellten künftigen
Pkw-Nutzung häufiger mit der Bequemlichkeit des Pkw, aber auch
der Umweltschädlichkeit des Autos. Die ausländischen Jugendlichen
nannten häufiger den Arbeitsweg, zu dem aus ihrer Sicht die Pkw-Nutzung
dazugehört, sowie Spaß und Vergnügen beim Autofahren.
Ihre geringe Radorientierung begründen die ausländischen SchülerInnen
vor allem damit, dass sie später einen Pkw haben werden und dass
sie andere Verkehrsmittel als das Fahrrad bevorzugen. Für die deutschen
Jugendlichen sind die Hauptgründe der Radorientierung Gesundheit
und Fitness sowie Spaß und Vergnügen.
Fahrradgeeignetheit des Wohngebiets: Das Wohngebiet
wird zum Zufuß gehen mehrheitlich positiv beurteilt. 84 % der
SchülerInnen finden, dass es günstig zum zu Fuß gehen
ist, 62 % stufen es als günstig zum Radfahren ein. Bei konkreteren
Fragen fallen die Urteile jedoch weniger positiv aus. So sind nur 36
% der SchülerInnen der Ansicht, dass es im Wohngebiet viele Radwege
gibt, und 43 %, dass es im Wohngebiet Spaß macht, Rad zu fahren.
Die Fahrradgruppe schätzt die Qualität des Wohngebiets zum
Radfahren (viele Radwege im Wohngebiet) eher noch kritischer ein.
Kriterien: Kriterien für Fahrradgeeignetheit
sind aus der Sicht der SchülerInnen eine grüne Umgebung und
eine abwechslungsreiche Umgebung, verkehrssichere Wege und ausreichend
Platz zum Radfahren.
Mangelnde Fahrradgeeignetheit wird vor allem durch zu starken Verkehr,
durch fehlende Möglichkeiten zum Radfahren und durch Beengtheit
bedingt.
Das schulische Umfeld: Am günstigsten zum
Radfahren sind aus Expertensicht die Umgebungen der Gesamtschule Winterhude
und des Gymnasiums Uhlenhorst-Barmbek, weniger günstig ist das
Umfeld des Emil-Krause-Gymnasiums, ungünstig ist es im Bereich
der GHR am Winterhuder Weg und am schlechtesten im Umfeld des Gymnasiums
Lerchenfeld.
Familiäre Umwelt: Die durchschnittliche Haushaltsgröße
bei den deutschen Haushalten beträgt 3,7, bei den ausländischen
(beide Eltern Nicht-Deutsche) 4,5 Personen. 17 % der Haushalte sind
autofrei, in 57 % gibt es einen, in 26 % mehr als einen Pkw. In den
deutschen Haushalten stehen durchschnittlich 1,3, in den ausländischen
Haushalten 1,2 Pkw zur Verfügung. In den deutschen Haushalten gibt
es durchschnittlich 4,1, in den ausländischen 3,0 Fahrräder.
Aus der Sicht der Befragten ist das häufigste Verkehrsmittel beider
Eltern der Pkw, bei den Vätern in 62 %, bei den Müttern in
30 % der Fälle. Das Fahrrad ist in 11 bzw. 12 % häufigstes
Verkehrsmittel des Vaters bzw. der Mutter.
Die schulische Umwelt: Die anteilmäßig
größte Fahrradgruppe findet sich im Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek,
am geringsten ist deren Anteil im Emil-Krause-Gymnasium. Die SchülerInnen
im Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek haben auch die ausgeprägtesten
subjektiven Normen in Bezug auf das Radfahren, im Emil-Krause-Gymnasium
und im Gymnasium Lerchenfeld ist die Mobilitäts-Norm zum Radfahren
deutlich schwächer.
Die Gleichaltrigen: Die Verkehrsmittelnutzung
der Freundin/des Freunds wird als der eigenen Verkehrsmittelnutzung
ähnlich wahrgenommen. Die SchülerInnen in der Fahrradgruppe
meinen häufiger, dass ihre Freundin/ihr Freund häufig Rad
fährt. Diese Meinung wird von den ausländischen Jugendlichen
nur selten vertreten.
Einflussfaktoren der Auto- und Radorientierung:
Der Einfluss der gegenwärtigen Verkehrsmittelnutzung zeigte sich
in der häufigen Autoorientierung derjenigen, die im Pkw mitfahren,
sowie dem größeren Anteil Nicht-Autoorientierter bei denen,
die oft zu Fuß gehen und oft Rad fahren. Die Fahrradgruppe ist
deutlich seltener autoorientiert als die Nicht-Fahrradgruppe.
In der Fahrradgruppe ist der Anteil der Radorientierten mit 33 % rund
doppelt so hoch wie in der Nicht-Fahrradgruppe.
Gesundheit und Fitness, Spaß und Vergnügen sind bei den Jugendlichen
häufige Gründe, auch im Erwachsenenalter weiterhin Rad zu
fahren. Als weiterer Grund kommt die Umweltfreundlichkeit des Fahrrads
dazu. Eine fehlende Radorientierung wurde vor allem mit der vorgestellten
Pkw-Verfügbarkeit im Erwachsenenalter begründet. Die häufigsten
Gründe für eine vorgestellte häufige Pkw-Nutzung in Zukunft
sind die Bequemlichkeit, die der Pkw bietet, und dessen Schnelligkeit.
Die Radorientierten und die Nicht-Autoorientierten haben positivere
Einstellungen zum Radfahren als die Nicht-Radorientierten und die Autoorientierten.
Der Zusammenhang zwischen Einstellungen und Verhaltensabsichten ist
bei der Radorientierung besonders ausgeprägt. Für die Radorientierten
und die Nicht-Autoorientierten ist das Radfahren die ihrer subjektiven
Norm am meisten entsprechende Fortbewegungsart. Die Jugendlichen aus
autofreien Haushalten sind seltener autoorientiert und häufiger
radorientiert. Sie sind seltener autoorientiert, wenn beide Eltern nicht
den Pkw als häufigstes Verkehrsmittel nutzen. Den höchsten
Anteil an autoorientierten Schülerinnen und Schülern innerhalb
der untersuchten Schulen weist die GHR am Winterhuder Weg auf, die beiden
Schulen mit dem höchsten Anteil an Nicht-Radorientierten sind das
Emil-Krause-Gymnasium und die GHR am Winterhuder Weg. Die Radorientierten
haben häufiger eine Freundin/einen Freund, die /der oft Rad fährt,
als die Nicht-Radorientierten.
In der Regressionsanalyse erwiesen sich als Prädiktoren der Autoorientierung
die Verkehrsmittelnutzung der Eltern, die subjektive Mobilitätsnorm
in Bezug auf das Radfahren und das Geschlecht, als Prädiktoren
der Radorientierung stellten sich ebenfalls die Verkehrsmittelnutzung
der Eltern und die subjektive Mobilitätsnorm heraus, desweiteren
die Nationalität.
Veränderungsvorschläge: Der von den
Jugendlichen am häufigsten genannte Verbesserungsvorschlag für
Radfahrende war, mehr Radwege anzulegen, der zweithäufigste Vorschlag
lautete, die Radwege zu verbreitern.
Ansatzpunkte: Die Unterschiede im Ausmaß
der Autoorientierung und der fehlenden Radorientierung in den Schulen
legen ein differenziertes Vorgehen nahe. Ein positives Beispiel ist
das Gymnasium Uhlenhorst-Barmbek, in dem der Anteil der Fahrradgruppe
sehr hoch, der Anteil der Autoorientierten vergleichsweise gering und
der Anteil der Radorientierten hoch ist.
Der Schulweg spielt in den Begründungen der Verkehrsmittelnutzung
eine große Rolle. Fahrradfreundlich gestaltete schulische Umgebungen
tragen somit wesentlich dazu bei, dass positive Erfahrungen mit dem
Radfahren gemacht werden können.
Vorschläge für ein Projekt "Fahrrad und Umwelt"
aus dem Referat für ökologische Verkehrserziehung im Amt für
Schule liegen bereits vor.
Diese Zusammenfassung der Ergebnisse wurde der Broschüre
Einflussgrößen und Motive der Fahrradnutzung im Alltagsverkehr.
Band 1: Ergebnisse der Befragung von Schülerinnen und Schülern
in Hamburg. Bestellnummer 05/00
entnommen. Die Broschüre ist zu beziehen beim:
Institut Wohnen und Umwelt (IWU)
Annastraße 15
64285 Darmstadt
Tel.: 06151 2904-0
Fax: 06151 2904-97