Zusammenfassung der Ergebnisse der Befragung von 176
Jugendlichen in Kiel
Ziel des Projekts: Das Forschungsvorhaben "Einflussgrößen
und Motive der Fahrradnutzung im Alltagsverkehr" dient dazu, Informationen
über die vielfältigen Einflussfaktoren der Verkehrsmittelnutzung
zu gewinnen, um entsprechend gezielt Maßnahmen planen zu können,
die das Radfahren so fördern, dass ein möglichst großer
Teil der Pkw-Fahrten durch Fahrrad-Fahrten und durch Kombinationen von
Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln ersetzt wird. Informationen
dieser Art lassen sich nur durch Befragung der am Verkehr teilnehmenden
Personen gewinnen.
Die Stichprobe: Die Untersuchung wird in Untersuchungsgebieten
in sechs Städten (Ahrensburg, Bremen, Fürstenwalde, Hamburg,
Kiel, Mainz) durchgeführt, in denen sowohl Erwachsene als auch
Nicht-Erwachsene befragt werden. Das Untersuchungsgebiet in Kiel umfasste
die Gebiete Gaarden, Ellerbek und Wellingdorf.
Hier wurden insgesamt 176 Jugendliche schriftlich befragt. 52 % der
Befragten waren Mädchen, 48 % Jungen. Der Anteil an ausländischen
Schülern und Schülerinnen (beide Eltern Nicht-Deutsche) betrug
15 %. Das Durchschnittsalter der SchülerInnen lag bei 13,7 Jahren.
Die Schulen, an denen die Jugendlichen befragt wurden, liegen alle innerhalb
des Untersuchungsgebiets. Es handelt sich um die Theodor-Storm-Hauptschule,
das Gymnasium Wellingdorf, das Hans-Geiger-Gymnasium und die Gustav-Friedrich-Meyer-Realschule.
Gruppierung der Daten: Die erhobenen Daten wurden
differenziert nach Geschlecht und Nationalität der SchülerInnen
ausgewertet, ferner nach dem häufigsten Verkehrsmittel im Alltag.
Unterschieden wurde insbesondere zwischen der Fahrrad- und der Nicht-Fahrrad-Gruppe.
Zur ersten Gruppe wurden diejenigen gerechnet, deren häufigstes
Verkehrsmittel das Fahrrad ist, zur Zweiten all diejenigen, deren häufigste
Fortbewegungsart das zu Fuß gehen, das Mitfahren im Pkw oder die
Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel (ÖV) ist.
Fahrradbesitz: Insgesamt 96 % der SchülerInnen
und zwar sowohl die Mädchen als auch die Jungen haben ein eigenes
Fahrrad, deutsche SchülerInnen mit 99 % häufiger als die ausländischen
mit 85 %. Die ausländischen Mädchen haben seltener ein Rad
als die ausländischen Jungen. Am Gymnasium Wellingdorf haben ausnahmslos
alle befragten SchülerInnen ein Fahrrad
Verkehrsmittelnutzung: Der ÖV ist für
38 % der SchülerInnen das häufigste Verkehrsmittel, das Fahrrad
für 30 %. Jungen fahren öfter Rad, Mädchen sowie die
ausländischen Jugendlichen nutzen öfter den ÖV.
Das Fahrrad ist für die SchülerInnen in den beiden Gymnasien
und in der Realschule ein wichtigeres Verkehrsmittel für die SchülerInnen
als in der Hauptschule.
Mobilitätsrate und Mobilitätszeitbudget: Die
Jugendlichen legen pro Tag durchschnittlich 4,8 Wege zurück, die
Mädchen ähnlich viele wie Jungen, die deutschen ähnlich
viele wie die ausländischen Jugendlichen. In der Fahrradgruppe
werden durchschnittlich 5,1 Wege pro Tag zurückgelegt, in der Nicht-Fahrradgruppe
4,7 Wege. Das durchschnittliche Mobilitätsbudget beträgt 85
Minuten, in der Fahrradgruppe 66, in der Nicht-Fahrradgruppe 89 Minuten.
Gründe für die Verkehrsmittelnutzung: Der
Schulweg, der ein bestimmtes Verkehrsmittel nahe legt, bestimmt zu einem
wesentlichen Teil die Verkehrsmittelnutzung. Ein häufiger Grund
ist auch die Schnelligkeit, mit der Wege zurückgelegt werden können.
Zu einem erheblichen Teil wird die Verkehrsmittelnutzung von den räumlichen
Strukturen bestimmt. Spezifische Gründe für das Radfahren
sind der dabei erlebte Spaß, aber auch die Umweltfreundlichkeit
des Fahrrads.
Einstellungen zum Radfahren: Das Radfahren wird
mehrheitlich sehr positiv beurteilt. Es wird u. a. als "umweltfreundlich",
"aktiv" und "gesund" charakterisiert. Die Urteile
der Fahrradgruppe fallen insgesamt noch positiver aus. Die Bewertung
des Radfahrens geschieht im Wesentlichen im Hinblick auf die folgenden
Dimensionen: Attraktivität des Radfahrens, Komfort, Gesundheit,
Vermeidung von Verkehrslärm, Vertrautheit des Verkehrsmittels und
Umweltschutz.
Das Fahrrad wird nicht ausschließlich nur als Transportmittel,
sondern auch als Sportgerät angesehen. Die meisten SchülerInnen
meinen, dass das Fahrrad den Raum gut erschließt und dass es unabhängig
macht. Die Fahrrad-Gruppe vertritt diese Ansicht noch häufiger.
Subjektive Normen: Verkehrsmittel, die die SchülerInnen
als für sich selbst als üblich und als das Normale empfinden,
sind der ÖV und das Rad. Je nach Verkehrsmittelnutzung sind die
subjektiven Mobilitäts-Normen unterschiedlich. In der Fahrradgruppe
und bei den Jungen entspricht das Radfahren mehr der subjektiven Norm
als in der Nicht-Fahrrad-Gruppe und bei den Mädchen; umgekehrt
verhält es sich mit der ÖV-Nutzung.
Wahrgenommener Handlungsspielraum: 80 % der SchülerInnen
haben den Eindruck, dass sie ihre Verkehrsmittel frei wählen können,
9 % fühlen sich eingeschränkt.
Vorgestellte zukünftige Verkehrsmittelwahl: Die
Verhaltensabsichten wurden in Bezug auf die vorgestellte künftige
Pkw-Nutzung und die vorgestellte künftige Radnutzung erfasst. Als
Autoorientierung wurde die Vorstellung, im Erwachsenenalter häufig
oder sehr häufig den Pkw zu nutzen, definiert, als Radorientierung
analog die Vorstellung, später häufig oder sehr häufig
das Fahrrad zu nutzen. Insgesamt 39 % der SchülerInnen erwiesen
sich als autoorientiert, 11 %, als nicht-autoorientiert, 19 % stellen
sich als radorientiert dar, 41 % als nicht-radorientiert.
Autoorientierung und Radorientierung korrelierten negativ. Die Mädchen
sind tendenziell seltener autoorientiert als die Jungen. Die deutschen
SchülerInnen sind weniger autoorientiert als die ausländischen,
umgekehrt verhält es sich bei der Radorientierung. Am seltensten
radorientiert sind die nicht-deutschen Mädchen.
Die Jungen begründeten ihre vorgestellte künftige Pkw-Nutzung
häufiger mit "Spaß und Vergnügen". Die ausländischen
Jugendlichen nennen häufiger Bequemlichkeit und Schnelligkeit des
Pkw als Begründung. Ihre geringe Radorientierung begründen
die ausländischen SchülerInnen vor allem mit der Vorstellung,
dass sie später einen Pkw haben werden und dass sie andere Verkehrsmittel
als das Fahrrad bevorzugen.
Fahrradgeeignetheit des Wohngebiets: Das Wohngebiet
wird im Hinblick auf die Möglichkeiten der nicht-motorisierten
Fortbewegung mehrheitlich positiv beurteilt. 82 % der SchülerInnen
finden, dass es günstig zum zu Fuß gehen ist, 62 % stufen
es als günstig zum Radfahren ein. Bei konkreteren Fragen fallen
die Urteile weniger positiv aus. So sind nur 28 % der SchülerInnen
der Ansicht, dass es im Wohngebiet viele Radwege gibt, und 44 %, dass
es im Wohngebiet Spaß macht, Rad zu fahren. Die Fahrradgruppe
schätzt die Qualität des Wohngebiets zum Radfahren positiver
ein.
Das schulische Umfeld: Am günstigsten zum
Radfahren ist aus Expertensicht das Umfeld der Th.-Storm-Hauptschule
und dasjenige des Hans-Geiger-Gymnasiums, am ungünstigsten ist
es im Bereich der G.-Fr.-M.-Realschule.
Familiäre Umwelt: Die durchschnittliche Haushaltsgröße
bei den deutschen Haushalten beträgt 4,2, bei den ausländischen
(beide Eltern Nicht-Deutsche) 4,1 Personen. 10 % der Haushalte sind
autofrei, in 54 % gibt es einen, in 36 % mehr als einen Pkw. In den
deutschen Haushalten stehen durchschnittlich 1,4, in den ausländischen
Haushalten 1,0 Pkw zur Verfügung. In den deutschen Haushalten gibt
es durchschnittlich 4,3, in den ausländischen 3,2 Fahrräder.
Aus der Sicht der Befragten ist das häufigste Verkehrsmittel beider
Eltern der Pkw, bei den Vätern in 73 %, bei den Müttern in
52 % der Fälle. Das Fahrrad spielt bei beiden Eltern als Verkehrsmittel
nur eine untergeordnete Rolle.
Die schulische Umwelt: Am höchsten ist der
Anteil der Fahrradgruppe im Hans-Geiger-Gymnasium, am geringsten in
der Th.-Storm-Hauptschule. In der Hauptschule wird Radfahren als weniger
umweltfreundlich bewertet als in den beiden Gymnasien und in der Realschule.
In der Hauptschule entspricht das Radfahren bei einem größeren
Teil der SchülerInnen nicht ihrer subjektiven Mobilitäts-Norm.
Die Gleichaltrigen: Die Verkehrsmittelnutzung
der Freundin/des Freunds wird als der eigenen Verkehrsmittelnutzung
ähnlich wahrgenommen.
Einflussfaktoren der Auto- und Radorientierung: Der
Einfluss der gegenwärtigen Verkehrsmittelnutzung zeigte sich in
der häufigen Autoorientierung derjenigen, die im Pkw mitfahren,
sowie dem größeren Anteil Nicht-Autoorientierter bei denen,
die oft zu Fuß gehen und oft Rad fahren.
In der Fahrradgruppe ist der Anteil der Radorientierten mit 33 % rund
doppelt so hoch wie in der Nicht-Fahrradgruppe.
Die Radorientierten und die Nicht-Autoorientierten haben positivere
Einstellungen zum Radfahren als die Nicht-Radorientierten und die Autoorientierten.
Je mehr das Radfahren der subjektiven Mobilitäts-Norm entspricht,
umso ausgeprägter ist die Radorientierung.
Die Jugendlichen sind seltener autoorientiert, wenn beide Eltern nicht
den Pkw als häufigstes Verkehrsmittel nutzen. Im Hinblick auf die
Radorientierung war ein entsprechender Zusammenhang nicht nachweisbar.
Den höchsten Anteil sowohl an autoorientierten als auch an nicht-radorientierten
Schülerinnen und Schülern weist die Th.-Storm-Hauptschule
auf.
Die Radorientierten haben häufiger eine Freundin/einen Freund,
die /der oft Rad fährt. Bei den Nicht-Radorientierten ist das seltener
der Fall.
Einflussfaktoren: Eine positive Einstellung zum
Radfahren, aktive Formen der Verkehrsteilnahme wie vor allem das Radfahren
anstelle von Pkw-Transporten vermindern Autoorientierung.
Eine ausgeprägte subjektive Norm in Bezug auf das Radfahren, eine
geringe Autonutzung der Eltern und eine positive Einstellung zum Radfahren
fördern Radorientierung.
Autoorientierung ist stärker bei den Jungen als bei den Mädchen.
Radorientierung ist stärker bei den Schülern und Schülerinnen,
die ein Gymnasium besuchen, und schwächer bei denen, die zur Hauptschule
gehen.
Begründungen der vorgestellten künftigen Verkehrsmittelnutzung
Die häufigsten Gründe für eine vorgestellte häufige
Pkw-Nutzung in Zukunft sind die Bequemlichkeit, die der Pkw bietet,
und dessen Schnelligkeit. Als häufigste Gründe, im Erwachsenenalter
auch weiterhin das Fahrrad zu nutzen, wurden Gesundheit und Fitness,
Spaß und Vergnügen angegeben. Ein häufiger Grund, der
gegen die Radnutzung im Erwachsenenalter spricht, ist der antizipierte
vorhandene Pkw.
Günstige und ungünstige Orte und Probleme für
RadfahrerInnen: Das Radfahren macht Spaß in grüner
Umgebung, auf großen weiten Flächen und dort, wo schnell
gefahren werden kann. Es macht keinen Spaß bei starkem Autoverkehr
und an Orten, an denen man sich unsicher fühlt. Die SchülerInnen
beklagen vor allem mangelnde Verkehrssicherheit, zu viel Verkehr und
fehlende Radwege.
Ansatzpunkte: Der von den Jugendlichen am häufigsten
genannte Veränderungsvorschlag zur Verbesserung der Situation für
RadfahrerInnen war, mehr Radwege anzulegen. Vor allem bei den Schülerinnen
und Schülern der Hauptschule gilt es, eine radorientierte Haltung
als Gegengewicht zu der verbreiteten Autoorientierung aufzubauen.
Wichtig ist eine fahrradfreundliche Gestaltung des Schulwegs. Dieser
spielt in den Begründungen der Verkehrsmittelnutzung eine bedeutende
Rolle.
Diese Zusammenfassung der Ergebnisse wurde der Broschüre
Einflussgrößen und Motive der Fahrradnutzung im Alltagsverkehr.
Band 6: Ergebnisse der Befragung von Schülerinnen und Schülern
in Kiel. Bestellnummer 07/00
entnommen. Die Broschüre ist zu beziehen beim:
Institut Wohnen und Umwelt (IWU)
Annastraße 15
64285 Darmstadt
Tel.: 06151 2904-0
Fax: 06151 2904-97